Im Gespräch mit Jeannette Altherr: „Gibt es etwas Wichtigeres als das Leben selbst?“

„Ich denke, dass sich die Idee davon, was Design sein kann, erweitern wird, über das Produzieren von Produkten hinaus“, wagt Jeannette Altherr einen Blick in die Zukunft.
28. September 2021

Wir leben in einer Zeit, in der sich viele Menschen intensiv mit dem ausbeuterische Umgang mit unserer Natur und den Auswirkungen des Klimawandels beschäftigen. Haben Designer Einfluss auf solche Entwicklungen? Oder beeinflusst unsere Wahrnehmung dieser gesellschaftlichen Rahmenbedingungen die Ideen von Kreativen? Welche Rolle spielen Designer bei der Gestaltung unserer Zukunft?

Im Interview mit Jeannette Altherr (Studio Altherr Désile Park) stellt die Designerin die Komplexität der Nachhaltigkeitsfrage als Herausforderung für Designer, Unternehmen und Konsumenten dar und zeigt, dass Lösungen im ganzheitlichen Denken zu suchen sind. Eine Momentaufnahme in der Debatte um Nachhaltigkeit in der Einrichtungsbranche.

burgbad magazin: Die Verknüpfung der Themen Wohnen und Natur war lange eine aus der Öko-Bewegung heraus betriebene Diskussion um schadstoffarme Möbel – und damit eher eine Frage nach der Gesundheit des Wohnens als nach der Gesundheit des Weltklimas. Das hat sich deutlich geändert. „Grünes Wohnen“ misst sich heute an Aspekten wie Klimaneutralität und Nachhaltigkeit des Designs – eine sehr komplexe Situation. Rührt daher vielleicht die Sehnsucht nach einer neuen Einfachheit?

Jeannette Altherr: Wir haben uns schon immer mit „Essentialismus“ identifiziert – der Unterschied zur Einfachheit ist, dass es uns weniger um rein formale Aspekte geht als vielmehr um die Suche nach dem, was wichtig ist. Und gibt es etwas Wichtigeres als das Leben selbst? Unser Gefühl von Schönheit und unsere Vorstellung von einem guten Leben sind eng miteinander verknüpft. Wir wissen vielleicht nicht immer, was schön ist, aber wir wissen genau, was nicht schön ist: Verarmung, Vergiftung, Reizlosigkeit. Wir erleben gerade, dass sich unsere Vorstellung von Natur als „dem anderen“ ändert – vom reinen Ressourcen-Provider zu der Idee von Natur als eines eigenständigen Living Systems. Dass wir Teil diese lebendigen Systems sind, nicht etwas darüber Stehendes. Balance ist dabei ein wesentlicher Aspekt. Diese Entwicklung wird sicher verändern, was wir als schön empfinden. Als Designer versuchen wir eine Form dafür zu finden, was als Wunsch, als Stimmung, als kollektives unscharfes Begehren in der Luft liegt, aber noch keinen Ausdruck gefunden hat. Wir erkennen diese Strömungen und tragen sie in die Unternehmen.

Die Diskussion in den sozialen Medien zeigt deutlich, dass die Menschen sich auch Orientierung in Hinsicht auf die Nachhaltigkeit der Produktkonzepte von Designern erhoffen. Das ist wohl oftmals der Ausdruck einer großen Orientierungslosigkeit, die durch Greenwashing noch verschärft wird. Werden Designer mit einer solchen Erwartung nicht schnell überfordert?

Jeannette Altherr: Der Druck fängt zuallererst bei mir selber an. Solange Produktdesign sich in Konsumgüter verwandelt, ist man als Designer eng mit dem grundsätzlichen Problem von Overconsumption verbunden. Den Architekten geht es ähnlich. Deswegen stellen sich viele Gestalter im Moment die Frage, ob, was und wie man überhaupt noch mit gutem Gewissen entwerfen kann. Mich zumindest hat es in eine echte Krise geworfen. Dazu kommt die enorme Komplexität unseres Moments. Zu begreifen, dass etwas sowohl als auch sein kann, dass Widersprüche nebeneinander und auch in uns selbst bestehen, dass es auf vieles keine einfache eindeutige Antwort gibt: Wir sind alle Teil eines großen kollektiven Lernprozesses.

Man muss sich von der Vorstellung freimachen, alle Faktoren im Griff zu haben. Man muss erst einmal – und dann immer wieder – sehr viel lernen, denn es sind nun einmal unglaublich viele Faktoren zu berücksichtigen: von der Materialherkunft über die Produktionsbedingungen, Energieeinsatz, Qualität/Langlebigkeit, lange Nutzung durch flexiblen Einsatz, Service-Bedarf, Transportkosten und Verpackung bis hin zur Recycelbarkeit. Und dazu kommen noch die sozialen Aspekte. Ich denke, dass sich die Idee davon, was Design sein kann, erweitern wird, über das Produzieren von Produkten hinaus.  In „Broken Nature“ haben mich zum Beispiel besonders die Beispiele des Bewahrens, des Festhaltens und Dokumentierens bewegt; und die Beispiele, in denen die Dramatik der Weltlage veranschaulicht wurde. Denn wissenschaftliche Erkenntnis allein wird nicht zu einem Umdenken führen. Wir müssen vom Wissen zum Verstehen kommen. Designer werden zum Filter, der die unterschiedlichsten Strömungen beobachtet und alles Brauchbare herausfischt und ausprobiert.

Setzt auf nachhaltige Materialien: die Capsule Collection MYA von burgbad und Jeannette Altherr.
Mit der Capsule Collection MYA setzen burgbad und Jeannette Altherr auf nachhaltige Materialien und ein langlebiges Design.

In der Einrichtungsbranche verläuft der Diskurs um Nachhaltigkeitsmodelle etwas ruhiger als beispielsweise in der Ernährungsindustrie. Hier brauchen Erfahrungen länger, Lernprozesse sind mit höheren Investitionen verbunden. Gleichzeitig muss sich die Möbelindustrie jedoch darauf einrichten, dass mit Nachhaltigkeitsargumenten promotete Rohstoffe, wie zum Beispiel Holz, auch einmal knapp werden können.

Jeannette Altherr: Ja, gerade unter dem Eindruck der verheerenden Feuer im Amazonasgebiet und noch mehr in Australien dieses Jahr fängt man an zu hinterfragen, ob man Bäume nur noch als nachwachsenden Rohstoff sehen kann. Ob „neu“ angesichts des Überangebots überhaupt noch so positiv besetzt ist wie früher. Ob hochwertiges Slow Design, das repariert, verändert oder Second Hand weiterverwendet werden kann, nicht die bessere Wahl ist. Mit solchen Szenarien muss sich die Branche frühzeitig auseinandersetzen. Wir müssen alles vorurteilslos durchdenken.

Gut, 100prozentig nachhaltige Lösungen gibt es nicht, genauso wenig wie das perfekte Produkt. Der Konsument muss also abwägen lernen. Das ist ein Lernprozess, den man ihm zumuten muss. Doch niemand will der erste sein, der dabei unter die Räder kommt.

Jeannette Altherr: Die Debatte ist so emotional aufgeheizt, und wir sind so unter Schock, dass wir das dringende Bedürfnis haben, ganz schnell etwas zu tun. Was oft zu vereinfachten Antworten führt. Denn: Ist es wirklich besser, Plastiktüten durch Stofftaschen zu ersetzen? Um dann zig Stofftaschen zu bekommen, die man doch nie benutzt? Oder Plastikstrohhalme durch Metall oder Glasstrohhalme zu ersetzen? Wenn man bis zu 3000 Mal einen Trinkbecher benutzen muss, bis die zu seiner Herstellung aufgewendeten Ressourcen diejenigen der Plastikbecher unterschreitet – soll man dann also doch weiterhin auf Plastik setzen? Tatsächlich müssen wir viel grundsätzlicher ansetzen: in Lebenszyklen denken.  Es reicht nicht, beim Wegwerfsystem zu bleiben und einfach nur die Materialien zu ersetzen.

Und gleichzeitig müssen wir schnell lernen zu differenzieren. Keiner stellt schließlich infrage, dass die Meere vom Plastikmüll befreit werden müssen. Aber die reflexartige Verteufelung des Kunststoffs greift zu kurz. Zum einen ist aus fossilen Rohstoffen gewonnener Kunststoff eine sehr wertvolle und knappe Ressource, die etwa in medizinischen Bereichen – zumindest heute noch – unersetzlich ist. Auf der anderen Seite wird diese Ressource etwa durch die Verpackungsflut einer immer stärker auf Convenience-Produkte setzenden Konsumgesellschaft vergeudet.

Jeannette Altherr: Und genauso wenig, wie Plastik global des Teufels sein kann, löst Bioplastik das Plastikproblem, denn es hat seine ganz eigenen Herausforderungen. Die Frage ist doch: welches Material ist wo wirklich sinnvoll? Langlebiger Kunststoff für Möbel oder Geräte ist doch nicht dasselbe wie Wegwerfplastik. Man möchte so gerne das Richtige tun – aber was ist das Richtige? Verzicht? Oder „besser“ konsumieren? Und da ist man schnell bei der Frage, bei wem die Verantwortung liegt – beim Konsumenten oder beim Hersteller?

Langlebiges Design: die Capsule Collection MYA von burgbad und Jeannette Altherr.
Die Capsule Collection MYA von burgbad und Jeannette Altherr wurde für die gesammte Wohnung konzipiert – vom Bad über das Schlaf- bis hin zum Wohnzimmer.

Die Herausforderung nachhaltigen Wirtschaftens für Unternehmen liegt darin, die Komplexität von Nachhaltigkeit anzunehmen und transparent zu machen. Aber sie müssen vereinfacht dargestellt werden, um die eigenen Antworten und Lösungen auch effektiv kommunizieren zu können.

Jeannette Altherr: Ich glaube, das zentrale Wort dabei ist „Prozess“. Das braucht Zeit und Erfahrung. Arper beispielsweise beschäftigt schon seit 2005 ein Sustainability Department, das sich von Anfang an um einen Life Cycle Assessment Ansatz bemüht hat – sehr anspruchsvoll und der einzige der mir wirklich konsequent erscheint. Zertifikate sind manchmal bürokratische Importhemmer. Zertifikate wie EPD sind aber auch der Weg, Produkte transparent, messbar und damit vergleichbar zu machen. Erst das ermöglicht es überhaupt, eine bewusste Wahl zu treffen. Man sollte das Thema Design und Nachhaltigkeit auch nicht nur auf die CO2-Reduktion beschränken. Es erscheint mir sinnvoller, das alte, lineare Denken durch ganzheitliches Denken zu ersetzen, das Komplexität, Unsicherheit und Widersprüche zulässt und nicht nur die Illusion einer einzig wahren und möglichst einfachen Antwort. Design und Antworten reichen von Ökologie, Konservierung, restaurativem Design, Bio-Design, Energieeinsparung, Wiederverwendung, Recycling, Lebenszyklus-Modellen usw. bis hin zur Bewusstseinsbildung für die Schönheit der Dinge und zum Schutz dessen, was man liebt.

Es ist spannend zu sehen, wie die Debatte um Nachhaltigkeit Wellen in alle Richtungen schlägt – nicht nur in Hinsicht auf Konsum, sondern auch auf Sozialstandards und Lifestyle. Die Klimakrise ist eine Herausforderung für sämtliche Bereiche unserer Gesellschaften. Dreht man an einer Schraube, verändert sich die gesamte Dynamik – sei es der Golfstrom oder die globalen Finanztransaktionen. Liegt gerade darin nicht auch eine Chance?

Jeannette Altherr: Ja, auch eine Gesellschaft lernt. Und auch Unternehmen entwickeln sich und reagieren auf Erkenntnisse. Auch sie teilen dieselben Erfahrungen und verändern sich dadurch. Ein Unternehmen wie Arper, wo dieser Prozess schon 15 Jahre lang läuft, fühlt sich dadurch vielleicht auch ermutigt und kommuniziert seine Aktivitäten stärker – trotz der Gefahr, sich dem Vorwurf des Greenwashings auszusetzen. Und nur, weil man es in einer Medienwelt keinem wirklich recht machen kann, sollten wir uns nicht vor den notwendigen Schritten scheuen, um den Erfahrungsprozess in Gang zu halten.

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